Band Nr. 17 – Isola elvetica
Zusammenfassung
Begehrte Inseln
Bis zum Jahre 2030 bewegen sich nach Prognosen dreieinhalb mal mehr
Leute zum Flughafen, um in die Ferien zu fahren. Bereits heute ist es in einer
grossen Stadt gegen die Hälfte, die interkontinentale Reiseziele vorzieht. Die
Touristik muss ihre Erfindungsgabe neu fordern. Erschliessungen allein genügen
nicht, man muss neue Inseln schaffen. Diese sind nicht nur im Freizeitbereich
begehrt. Die Vorteile der Insellösung sind für die Arbeit im virusanfälligen
Netz offensichtlich. Die Inselstrategien für Unternehmen sind in der
globalisierten Wirtschaft chancenreicher als flächendeckende Pläne.
Hat die Erfahrung des Verkehrskorridors im Tessin dazu geführt, dass hier die 20-Jährigen die Vision der isola elvetica betonen? Ja, deshalb steht der Titel des Buches in italienischer Sprache. Der Verkehrskorridor verletzt ein Bild im helvetischen Selbstverständnis. Die Landschaften liegen über dem europäischen Kontinent. Man fühlt sich nicht an die Nachbarnationen angebunden, sondern sieht auf sie hinaus und immer auch hinab. Als Insel geniesst man den Vorteil, von allen Nachbarn gleich weit entfernt zu sein. Was die Briten vom Kontinent trennt, der Kanal, ist für die Eidgenossen das Hochland. Einen zweiten Vorteil bietet die Insel. Sie ist zwar klein, aber als Gestalt ganzheitlich sichtbar. Vom Urgestein am Gotthard verzweigt sich die Landschaft nach den vier Himmelsrichtungen in Haupt- und Seitentäler, die sich nordwärts in die Ebene des Mittellandes verlieren. Die Flüsse rahmen dieses entlang den Grenzen ein. Es gibt ein drittes Plus für die Insel. Sich als Ganzes himmelwärts abhebend kann die Eidgenossenschaft auf eine kompakte nationale Identität verzichten. Die Konföderation der lokalen und regionalen Abwandlungen, wie man sich als Schweizer oder Schweizerin fühlt, genügt.
Globalisierung fasziniert
Die 20'000 jugendlichen Befragten der ch-x Studie „Identitäten 2000“ gehören zur ersten Generation, die in der Ära der schnellen, weltumspannenden Kommunikation gross geworden ist. Der neue technologische Lebensstil, viel reisen, zwischen Zielen switchen und eintauchen in die virtuellen Räume, verlagert Orientierungen. Die jungen Erwachsenen sind Argonauten, deren Lebensperspektive vom faszinierenden Erleben der technologischen Beschleunigung und von Fortschrittsmusik beeinflusst sind. Die Welt gewinnt bei ihnen die Kraft eines Gegenbildes zur Insel. Sie zeigt sich als zusammenhängende Megastadt. In ihr empfindet man sich bei fast jeder Landung als Gewinner. Der Lebensstil überträgt sich in die Wünsche und Visionen. Die Zukunft gehört den erfolgreichen Unternehmen, der Spitzenforschung, den neuen Technologien und dem strategischen Cluster von Erfolgsfaktoren. Avenir Suisse heisst Teilhabe an den Leuchttürmen im Netzwerk der Weltstädte. Starke Bilder und Töne begleiten die Faszination. Im Unterschied zur „silent revolution“ der 60er Jahre geht sie als „sounding revolution“ in die Geschichte ein. Sie verbindet die modernen Werte, individuelle Freiheit, Wohlstand und Wachstum mit der Zuversicht für die technische Machbarkeit und Lösbarkeit der Probleme. Sie schreibt die Zukunft nach dem Amerika-Modell.
Rückkehr
Die junge Generation nimmt die Kehrseite der Globalisierung wahr. „Es gibt kein Bier auf Hawai“ – so trivial dieser Schlager tönen mochte, so subversiv ist seine Wirkung. Die Gefährdung der Vielfalt durch nivellierende Trends, die das Viele ähnlich machen, ist bei der jungen Generation ein starkes Furchtbild gegenüber der globalen Entwicklung geworden. Die Last der unlösbar scheinenden Probleme, Kriege, Umweltkatastrophen, internationale Drogenkartelle, Viren und Finanzskandalen dunkeln die Zuversicht ein. Das Vertrauen in die traditionellen politischen Akteure, die Staatsregierungen und Parteien, ist gesunken. Neue internationale Akteure sind angesichts der Probleme zu wenig sichtbar, erfolgreich und wirksam. Weit entfernt ist in den Augen der 20-Jährigen die Vision des Weltstaats. Man scheint ihn als Leviathan weder herbeizuwünschen noch über ihn nachzudenken. Man wendet sich den helleren Zonen in den tieferen Etagen der Weltgesellschaft zu, dem eigenen Land, der Region und sich selbst, dem privaten Raum. In dieser Reihenfolge wächst der Optimismus, handlungsfähig und Meister des eigenen Glücks zu bleiben. Die Inselvorteile werden sichtbar und aufgewertet. Gerade weil das Land so intensiv an der Globalisierung teil hat und sie erfahren lässt, wird die Kehrseite der Globalisierung scharf wahrgenommen. Schwer zu glauben für die ältere Generation und für Intellektuelle, die im Diskurs der Enge gross geworden sind, aber die 20-Jährigen wünschen sich den Sonderfall zurück.
Remade in Switzerland
Mit lautem Aufwand erklären Architekten und Stadtplaner die Schweiz zur Metropole. Sie wird zum verkleinerten Abbild der grossstädtischen Netze, die sich um die Welt spannen. Die Erfahrung negativer Seiten der Globalisierung erzeugt die Rückkoppelung in die andere Richtung. Die Architektur der schweizerischen Gesellschaft wird nicht abgebrochen, sondern revitalisiert. Remade in Switzerland – heisst der Trend. Die Magie der konzentrischen Ringe, zuerst das Lokale und Regionale, dann die Nation, Europa oder die Welt, bleibt in der jungen Generation erhalten. „Lieber tot als rot“ – der schweizerische Archetyp gegen ambitiöse Fortschrittsprogramme prägt das Selbstverständnis und Geschichtsbild. Die Ankerpunkte in der Erinnerungskultur polarisieren sich und werden zur wichtigsten Einflussgrösse auf die Art, wie man die Schweiz sieht und sich in Zukunft wünscht. Die Skepsis gegen weit ausholende Fortschrittsideen und grossräumige Zusammenschlüsse bleibt in der jüngeren Generation erhalten. Die Selbststeuerung im komplexen ererbten Gefüge der Gemeinden, Kantone und des Bundes wird bekräftigt; Grosskantone hätten nur bei einem Drittel der Befragten eine Chance. Die plebiszitären Elemente der Demokratie möchten etwas mehr als zwei Drittel verstärken.
Die Metropole Schweiz – das Gefühl in einem Weltdorf zu leben
– hat in den Grosszentren und in touristischen Temporärstädten des
Berggebietes Funken geworfen. Überwiegend aber fühlt man sich in der Schweiz
wie seit eh lokal, regional und in den bekannten sprachregionalen Nuancen auch
national. Die Architektur der Schweiz gleicht nur für eine kleine Minderheit
dem neomodernen Entwurf einer Glashaut- oder Loftsiedlung, die globale
Offenheit demonstriert. Gesucht ist Mauer- und Balkenwerk, das Erinnerungen
mitträgt und die Bewährung im Hier und Jetzt garantiert. Verbesserungen und
zurückhaltende Neuerung dienen diesem pragmatischen Ziel.
Steuerungsenergie
Die Architektur der schweizerischen Gesellschaft begünstigt eine Energetik – Muster zum Handeln. In den Ergebnissen zeigt sie sich in typischen Haltungen, wie und wo zu handeln ist. Die Handlungsenergien werden pragmatisch eingesetzt; das Land soll ein dezentrales Kraftwerk bleiben. Die Schweiz ist zwar auf viel Aussenenergie angewiesen, braucht und sucht sie. Gerade deshalb will man ihre Umsetzung im eigenen Hause, ihre Umwandlung auf dem eigenen Terrain selbst bestimmen. Dies verlangt, Eigenenergie als Steuerungsenergie zu entwickeln und einzusetzen. In einem intensiv mit dem Ausland vernetzten kleinen Land ist dies besonders wichtig. Absaugen von Handlungskompetenzen durch Aussenenergie bleibt unerwünscht. Energieverlust bedeutet Handlungsparalyse, Pessimismus und Schicksalsergebenheit. Selbst gegenüber globalen Problemen ist ein geringes Quantum von Eigenanstrengung wichtiger als die Investition in ein globales Zentralwerk.
Die Handlungskompetenzen verteilt man nach einer flexiblen Geometrie auf die verschiedenen Abteilungen der Weltgesellschaft. Probleme, welche soziale Betroffenheiten im eigenen Land auslösen, die Frage nach der Verteilung der Arbeit, die Regelung der Migration und Finanzflüsse, will man auch dann in Eigenregie lösen, wenn ihre Ursachen internationaler Natur sind. Nur die harten Risikoprobleme der Menschheit überantwortet man grösseren Verbünden und Organisationen. In der Schweiz weist man Problemlösungen entweder sich selber oder direkt der Welt zu. Die UNO ist in der jungen Generation ein akzeptierter Weltakteur. Dem Kraftwerk EU gegenüber ist man zurückhaltend. Die Angst, Handlungskompetenzen zu verlieren, geht um – ungebrochen, ja stärker in der jungen Generation als bei deren Eltern.
Die Welt im Sichtfenster
Noch vor zwanzig Jahren sind die Bilder ausschliesslicher als heute im Blick auf das Geschehen im eigenen Land geprägt worden. In die Welt hinaus geblickt hat man noch wie durch ein Fenster. Heute überkreuzen sich die Sichtweisen mit den Innenansichten intensiver. Die Blickrichtungen polarisieren zwischen verschiedenen Gruppen, denjenigen, die das Land aus der Erinnerungsspur, dem Rückspiegel, wahrnehmen, gegenüber jenen, welche die Schweiz vor allem auf der Fortschrittsspur sehen. Jene, die den eigenen Ort als Standort im Weltdorf empfinden, blicken von aussen ins Innere. Sie stossen auf die Gruppen, die das lokale Zuhause, die Region und die Nation zum Standpunkt nehmen, wenn sie die Welt betrachten.
Die Spannungen und Reibungen zwischen diesen Haltungen finden eine Schnittebene, die neuartig ist. Die Schweiz ist ein Fenster der Welt geworden. Die Vielzahl der internationalen Herkunftsorte der Migranten, mit denen wir den Lebensraum teilen, hat zugenommen. Die Betroffenheiten durch grenzüberschreitende Probleme sind gewachsen. Aussenenergien verlangen, eigene Kompetenzen für die Steuerung aufzugeben oder so einzugliedern, dass die Eigenenergie symbolisch wird. Weltprobleme mischen sich überall und im kleinen Lebensraum ein – beim Bau von Asylantenheimen, in Landwirtschaftsfragen und in ethischen Entscheidungen zur Gentechnik.
Wie organisiert die junge Generation den Energiehaushalt im Zusammenspiel mit den anderen Nationen? Am stärksten setzt sie auf die Allianz und Zusammenarbeit mit den historischen Nachbarn Frankreich, Deutschland, Österreich und Italien. Aber nicht nur! Man möchte mit jenen zusammenwirken, die kongenial sind, mit den skandinavischen Ländern und auch England. Noch weit weg liegen Allianzen mit jenen, die es am nötigsten hätten, mit mittelostund osteuropäischen Ländern und den Peripherien der südlichen Hemisphäre.
Weltgesellschaft
Die Ergebnisse illustrieren eine Deutung, wie sich die Weltgesellschaft entwickeln wird. Die Globalisierung ist der sichtbare, schnelle, aber umso mehr ein begrenzter Prozess. Er findet auf der Weltoberfläche statt und erzeugt eine oft übersehene Spannung. Auf der positiven Seite sind es Fortschrittsträume und –erlebnisse, die Jugendliche faszinieren, auf der negativen Seite drohen Chaos, Unsicherheiten und unlösbare Probleme. Beide Seiten werden von der jungen Generation auf Reisen oder im Blick in die Welt erfahren. Die Handlungsblockade und das Energiedefizit gegenüber diesen Problemen schlägt sich überwiegend als Pessimismus gegenüber der globalen Zukunft nieder.
Die Weltgesellschaft folgt im Gegensatz zur Globalisierung einem langsameren Zeitrhythmus; sie entwickelt sich in kleinen Schritten und in jedem Land auf ihre Weise. Die Schweiz wird allmählich von einem Fenster zur Bühne, auf der weltgesellschaftliche Akteure und Beziehungen eine Rolle spielen. Die Ergebnisse zeigen am Fallbeispiel Eidgenossenschaft empirisch, wie man zuschauen, mitspielen, dominieren oder auf Distanz gehen möchte. Die negative Erfahrung von Handlungslosigkeit und Pessimismus gegenüber globalem Geschehen wird auf die eigene Situation rückgekoppelt. Das Gedächtnis, die Erinnerungen an die Vergangenheit werden wichtiger und widersprechen dem Glauben an die Fortschrittslinie. Gemeinsam aber wird allen klar, dass das Fenster von der erhöhten Insel hinaus zu einer Arena geworden ist, in dem die Weltgeschehnisse mitspielen. Dank dieser Gemeinsamkeit entwickelt sich Weltgesellschaft, allerdings nicht als weltumspannende Idee und nicht gleichzeitig. Vielmehr wird ihre Entwicklung rückbezogen auf das eigene Land und von dieser Binnensicht her in kleinen Schritten, bedachtsam und langsam mitvollzogen.
Die Visionen und Zukunftswünsche, die man für die Schweiz im weltweiten Umfeld bildet, verbinden sich mit Haltungen, wie man mit wem für welche Werte zusammenwirken, eigene mit internationaler Energie zusammen einsetzen will. Es sind vier Lager, die auf je verschiedenen Pfaden in die Richtung der Weltgesellschaft wirken. Die Gruppe für die Globalisierung ist quantitativ am schwächsten, aber wichtig. Sie verbindet die modernen Leitwerte, Individualität, Machbarkeit, Wohlstand, mit dem Interesse, zusammen mit dem Welthegemon USA oder kommenden Grosszentren, zum Beispiel China, dieser Vision näher zu kommen. Globalisierung heisst bei ihnen der Königsweg zur Weltgesellschaft. Ihm gegenüber erhebt das stärkste Lager, die Weltgemeinschaft, Widerspruch. Es erhöht die Bedeutung der Werte Ökologie, Solidarität und Achtung natürlicher Grenzen, und es dehnt den Austausch von sozialer Energie deutlich in die Zonen der armen Länder aus. Der Weg zur Weltgesellschaft ist bei dieser Gruppe steiniger und anstrengender als die Schnellstrasse zur Globalisierung.
Den beiden international orientierten Lagern gegenüber stehen die Gruppen,
die auf die Insellösung setzen. Die Schweiz soll bei einem Viertel der
Befragten moderne Insel, beim anderen Viertel nachhaltige Insel werden.
Rückbezogen auf das Eigene und Besondere will man die Werte dort umsetzen, wo
man es dank der Eigenenergie tun kann. Die Rückkehr in die Geschichte und
Erinnerung ist in diesen Lagern nicht Folklore. Sie wird als Voraussetzung
gewertet, um in der Gegenwart handlungsfähig und gegenüber Visionen pragmatisch
zu bleiben. Die vier Lager bilden das Potential der Schweiz, zu einer Bühne zu
werden, auf der sich in der Eidgenossenschaft ein Stück Weltgesellschaft
entwickeln wird.
